„Lehrevaluationen“

Seit nunmehr mehreren Jahren wird von der Universitätsleitung am Ende jedes Semesters eine “Lehrevaluation” durchgeführt.

Und seit mehreren Jahren rufen verschiedene Fachschaften zu deren Boykott auf. So auch wir.

Offzielles Ziel der Evaluation sei laut Präsidium die “Verbesserung der Lehre”. Gegenüber den studentischen Vertreter_innen wird von “Verbesserung der Studiensituation” gesprochen.

Wir sagen: Die Evaluation ist vollkommen ungeeignet für irgendwelche Verbesserungen. Vielmehr ist sie Teil der wettberwerbsorientierten Umstrukturierung der Hochschulen. Sie wird als disziplinierendes Instrument genutzt und verschleiert viele Probleme.

Was wir konkret scheiße finden, findet ihr hier, schön übersichtlich aufgelistet. Wenn ihr lesefaul seid, dann bitten wir euch wenigstens den letzten Teil, die “Forderungen an euch”, zu lesen!
Der Fragebogen an sich:
• Standardisierte Fragebögen können vieles nicht erfassen, z.B Dinge, die nicht im Einflussbereich des Lehrenden liegen (Raumsituation, zu wenige Lehrende am Fachbereich, etc.)
• Er berücksichtigt ebenso wenig den Einfluss, den Student_innen auf die Veranstaltung haben können
• Fragebogen geht von verschulter Lehre aus („Frontalunterricht“, häppchenweise Wissensvermittlung, etc.)
• Damit: Verantwortung wird weg von der Uni-Leitung und der Beteiligung der Studierenden komplett den Dozent_innen zugeschrieben

Die Konsequenzen für die Dozent_innen:
• Evaluationsergebnisse spielen für die Bewerbungen bei Dozent_innen aus dem Mittelbau (praktisch alle, die keine Professor_innen sind, aber lehren) eine immer größere Rolle
• „Die Ergebnisse werden für die Bestimmung der leistungsbezogenen Komponente der W-Besoldung genutzt.“, so die Uni-Homepage, d.h. für manche Lehrende ist die Bezahlung abhängig von den Ergebnissen
• Lehrende müssen um ihre Weiterbeschäftigung und Bezahlung fürchten, wenn sie ihre Veranstaltungen nicht gemäß der Vorstellung von „guter Lehre“ im Sinne der betriebswirtschaftlichen Auffassung des Fragebogens ausrichten

Die Konsequenzen für das universitäre Miteinander und die Studierenden:
• Bestehende Vermittlungsinstanzen wie die fach- und studierenden-nahen Fachschaften oder studentischen Studienberatungen werden geschwächt
• Service- und Dienstleistungsmentalität unter den Student_innen bestärkt – ihr seid aber Teil der Hochschule, nicht ihr Kund_innen!
• Nicht nur die Beziehung zwischen Studierenden und Lehrenden verändert sich, auch unter den Lehrenden entsteht Wettbewerb: Wo Leute „exzellent“ sein sollen, müssen auch „schlechte“ gefunden werden
• Dozent_innen bekommen praktisch nur Zahlenwerte (Durchschnitte eurer Kreuzchen) zurückgemeldet, ohne sich wirklich mit euren Fragen und Problemen beschäftigen zu müssen bzw. zu können (Alternativen für eure Kritikäußerung findet ihr weiter unten)

Der Umgang des Präsidiums:
• Trotz Boykotte seit mehreren Semestern, keine Reaktion vom Präsidium – teilweise werden Ergebnisse, basierend auf nur einem einzige Fragebogen an die Dozent_innen rückgemeldet
• Die Einführung durch die Uni-Leitung geschah einseitig und ohne demokratische Beteiligung oder Mitgestaltung durch andere Akteur_innen (Lehrende&Studierende, Fachbereiche&Fachschaften etc.)

Forderungen an das Präsidium:
• Austausch über Qualität der Lehre sollte zwischen Lehrenden und Studierenden direkt stattfinden, nicht über eine externe Institution!
• Berücksichtigung der Kritik! Evaluation der Evaluation! Denn: Wie entscheidend ist der ausreichende PowerPoint-Einsatz bei einem Lektüre-Seminar zu Rousseau für die „Güte der Lehre“?
• Berücksichtigung und Stärkung der bestehenden Einrichtungen, die sich bereits mit der Qualität der Lehre auseinandersetzen!
• Aufführung der Boykott-Zahlen in den Evaluationsberichten! Boykotte sollen nicht als „kleine Minderheiten“ abgetan werden!

Forderungen an euch:
• Boykottiert die Lehrevaluation! Streicht die Bögen durch und schreibt „BOYKOTT“ darauf. Oder wenn die Dozent_in Angst vor Problemen hat, gebt nur die jeweils beste Bewertung ab! Für euch hat diese Aktion keinerlei negative Konsequenzen!
• Ruft eure Dozent_innen dazu auf, eigene, auf ihre Veranstaltungen sinnvoll zugeschnittene Bögen zu entwerfen! Die Ergebnisse sollen dann mit euch in der nächsten Sitzung besprochen werden! Mit dem dann entstehenden öffentlichen Druck ist ein “Unter-den-Tisch-fallen-lassen” der Kritik kaum mehr möglich.
• Wenn ihr Probleme mit einer Veranstaltung habt, sprecht selbst und direkt mit den Dozent_innen, sprecht mit den Fachschaften (wir können Beschwerden gerne weiterleiten), sprecht mit dem AStA und wartet nicht auf die „Lehrevaluationsbögen“!
• Ihr seid ein elementarer Bestandteil der Hochschule! Keine Kund_innen! Lässt euch euren wichtigen Status nicht aberkennen!

Hier (pdf) noch der Flyer dazu.