Eva Illouz’ Kritik der Reflexivität

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion ist in der Pädagogik so wichtig wie kaum eine andere Sozialkompetenz. Was man tut und lässt, was man denkt und fühlt, soll nicht einfach hingenommen, sondern hinterfragt werden – in Hinblick auf implizite problematische Wertvorstellungen und Befindlichkeiten. Sich selbst infrage zu stellen macht es möglich, falsche Ansichten zu korrigieren, Stereotype zu erschüttern und Empathie für andere zu entwickeln.

Weshalb es als Fortschritt erscheint, dass sich die Bereitschaft zur Selbstreflexion in immer mehr Lebensbereichen als Norm sich durchsetzt.

Doch scheint sich die Reflexivität dabei auffällig gut mit den spätkapitalistischen Anforderungen nach Flexibilität, Eigeninitiative und Leistungsbereitschaft zu vertragen. Dies sollte Grund zum Misstrauen geben, denn die Reflexivität muss selbst wieder in Frage gestellt werden. Dazu ist die kritische Kultursoziologie von Eva Illouz unverzichtbar, da sie auch den Rückschritt untersucht, den der Fortschritt der Reflexivität mit sich gebracht hat. Der Imperativ, sich beständig selbst zu hinterfragen, stellt sich so als zutiefst von  Klassen- und Herrschaftsverhältnissen durchdrungen dar.

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Frederik Beinvogl