Kritische Männlichkeit? – Eine historisch-kritische Perspektive auf die (gegenwärtige) Männerbewegung

Unter dem Begriff der kritischen Männlichkeit haben sich in den letzten Jahren eine Reihe an Formen politischer (Bildungs-)Arbeit etabliert, in deren Zentrum die kritische Auseinandersetzung von Männern mit patriarchaler Herrschaft und der eigenen Verstrickung in entsprechende Strukturen steht. Historisch gesehen ist die männliche Politisierung zum Zweck der Überwindung patriarchaler Strukturen kein neues Phänomen. Vor allem in den USA solidarisierten sich Männer in Reaktion auf die zweite Welle des Feminismus mit feministischen Kämpfen und entwickelten Analysen, die einen Kampf von Männern gegen patriarchale Strukturen fundieren sollten. Die dabei entstandenen Bewegungen hatten teilweise einen ambivalenten Charakter. Neben rassifizierenden und klassifizierenden Ausschlüssen ist hier vor allem der Umstand interessant, dass manche Vertreter das patriarchale Machtgefälle (implizit) verharmlosten und so den Boden für reaktionäre Formen der Männerbewegung bereiteten. Im Sinne einer kritischen und historischen Reflektion des Begriffs der kritischen Männlichkeit soll im Tutorium der ambivalente Charakter mutmaßlich progressiver Strömungen der Männerbewegung untersucht werden. Anhand der Lektüre von Primär- und Sekundärtexten sollen die blinden Flecken und Fallstricke einer männlichen, politischen Praxis aufgezeigt werden, die den Anspruch hat, auf eine Überwindung patriarchaler Strukturen hinzuwirken. Auf dieser Grundlage kann erarbeitet werden, ob sich aktuelle Konzepte der kritischen Männlichkeit mit dem Ziel einer Aktualisierung oder eher im Sinne einer Abgrenzung und Kritik auf historische Strömungen der Männerbewegung beziehen sollten.

Eine derartige Annäherung an die historische Männerbewegung kann u.a. auf der Grundlage folgender Fragekomplexe erfolgen:

  • Aus welchen Gründen lehnen die Vertreter der Männerbewegung patriarchale Strukturen ab? Stehen die moralische Verwerflichkeit von Herrschaft und die Solidarität mit Frauen* im Vordergrund? Oder begreifen sie vielmehr die eigene Lebensrealität innerhalb patriarchaler Strukturen als pathologisch, lehnen also patriarchale Strukturen (auch) aufgrund ihrer negativen Implikationen für Männer ab?
  • Welche Prämissen und Dispositive bildeten die Grundlage dafür, dass mutmaßlich progressive Strömungen der Männerbewegung in ihr Gegenteil umschlagen konnten?
  • Welche soziale Dynamik entfaltet sich in sog. kritischen Männlichkeitsgruppen? Werden patriarchale Denk- und Verhaltensmuster dort wirklich kritisch reflektiert oder eher reproduziert?
  • In welchem Sinne ist die Praxis der kritischen Männlichkeit politisch? Erschöpft sich diese Praxis in der kritischen Reflektion der eigenen Herrschaftsposition und der Arbeit am Selbst? Falls ja, inwiefern ist das politisch? Und wie hängt die Arbeit am Selbst mit dem politischen Kampf um eine Gesellschaftsform, in der sich eine nicht-patriarchale Subjektivität entfalten kann, zusammen?

Es gibt innerhalb der Männerbewegung zahlreiche reaktionäre Strömungen und Vertreter, die anti-feministische, misogyne Ressentiments und sonstigen Irrsinn verbreiten. Dass ein politischer Begriff kritischer Männlichkeit nur in Abgrenzung zu einem solchen Denken entstehen kann, wird vorausgesetzt. Die reaktionären Strömungen sollen im Tutorium nur insofern untersucht werden, als sie aus mutmaßlich progressiven Strömungen entstanden sind, um daran den ambivalenten Charakter von Männlichkeitskritik aufzuzeigen.

Eine Auseinandersetzung mit persönlichen Erfahrungen von Männlichkeit im Rahmen des Seminars ist möglich, soll jedoch nicht im Zentrum stehen. Das Tutorium kann in diesem Zusammenhang als (theoretische) Ergänzung zu der Arbeit in sog. kritischen Männlichkeitsgruppen dienen. Die Mitarbeit in einer solchen Gruppe ist jedoch nicht Voraussetzung für die Teilnahme. Die einzige Teilnahmevoraussetzung ist die Bereitschaft, englische Texte zu lesen.

Kontakt & Anmeldung

Erste Sitzung: 14. April, 16:00 Uhr, c.t.
Ort: Digital
Kontakt: martin.duerr[at]stud.uni-frankfurt.de

Wenn ihr Interesse habt, schreibt bitte bis zum 11. April eine Mail an die angegebene Kontaktadresse. Der Link für die erste Sitzung wird dann per Mail verschickt. Der endgültige Sitzungstermin wird in der ersten Sitzung festgelegt. Falls ihr also an dem Termin für die erste Sitzung keine Zeit habt, aber dennoch gerne teilnehmen würdet, meldet euch gerne. Das Tutorium ist grundsätzlich als digitale Veranstaltung konzipiert. Wenn es die Pandemielage sowie die Teilnehmendenzahl zulasen und alle Teilnehmenden damit einverstanden sind, können im Sommer einzelne Sitzungen unter Einhaltung der AHA-Regeln im Park abgehalten werden.

Literaturvorschläge

  • Farrell, Warren (1993): The Liberated Man. Freeing Man and their Relationships with Women. New York: Berkeley Books.
  • Farrell, Warren (1995): Mythos Männermacht. Deutsche Erstausgabe, 2. Auflage. Frankfurt am Main: Zweitausendeins.
  • Kimmel, Michael (1998): Masculinity as Homophobia. Fear, Shame, and Silence in the Construction of Gender Identity. In: Harry Brod und Michael Kaufman (Hg.): Theorizing masculinities. Thousand Oaks, Calif: Sage Publ., S. 119–141.
  • Messner, Michael A. (2000): Politics of masculinities. Men in movements. Lanham, MD: AltaMira Press.
  • Nichols, Jack (1976): Men’s lib. Die Emanzipation des Mannes. Düsseldorf: Diederichs.
  • Pleck, Joseph H. (2009): Men’s power with women, other men, and in society. A men’s movement analysis. In: Peter Francis Murphy (Hg.): Feminism and masculinities. Oxford, New York: Oxford University Press, S. 57–68.
  • Pleck, Joseph H. (1995): The Gender Role Strain Paradigm. An Update. In: Ronald F. Levant und William S. Pollack (Hg.): A new psychology of men. New York: Basic Books, S. 11–32.
  • Pohl, Rolf (2011): Männer – das benachteiligte Geschlecht? Weiblichkeitsabwehr und Antifeminismus im Diskurs über die Krise der Männlichkeit. In: Mechthild Bereswill und Anke Neuber (Hg.): In der Krise? Männlichkeiten im 21. Jahrhundert. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 104–135.
  • Schwalbe, Michael (1996): Unlocking the iron cage. The men’s movement, gender politics, and American culture. New York, Oxford: Oxford University Press.
  • Stoltenberg, John (2004): Refusing to be a man. Essays on sex and justice. London, New York: Routledge.
  • Theweleit, Klaus (2020): Männerphantasien. Zweite Auflage, vollständige und um ein Nachwort erweiterte Neuausgabe. Berlin: Matthes & Seitz.