“Sadly, the future is no longer what it was” – Das Denken Mark Fishers: eine autonome Selbsthilfegruppe.

Verlorene Zukünfte, die uns heimsuchen – Erschütterungen des Glaubens an Utopie(n) – Externalisierung von Depression. Die Stichworte des Denkens Mark Fishers erscheinen zunächst als radikal negativer Ausdruck eines ausweglosen Zustands. Doch zwischen der Analyse, der – im wahrsten Sinne hoffnungslosen – gesellschaftlichen Formation, findet sich ein radikales Festhalten an der Utopie, eine Absage an die Resignation im Zeitalter des kapitalistischen Realismus.
Hier füllte Fisher eine besondere Position, die des Kulturkritikers, der sich weder im Modus grenzenloser Bejahung, noch in einem zurückgezogenen Kulturpessimismus übte. Seine Texte befinden sich an der Schnittstelle von Wissenschaft und Popkultur, zwischen Kritischer Theorie und Poststrukturalismus, zwischen Nostalgie und radikalem Fortschrittsglauben.

Am 13. Januar 2017 starb Mark Fisher.
Die Depression, die er glaubte überwunden zu haben, kostete ihn schlussendlich das Leben. Im Eingang zu Ghosts of My
Life
schrieb er, er habe vor der Depression fliehen können, indem er die Negativität externalisiert habe. Das Problem sei nicht mehr er, das Individuum, sondern die gesellschaftlichen Formationen, die es umgibt. Auch das wollen wir
versuchen, indem wir gemeinsam versuchen die Denkbewegung Mark Fishers nachzuvollziehen. Ein kleines Stück Selbsthilfegruppe im isolierten Unialltag, ein bisschen Nachdenken über die eigene Ohnmacht, vielleicht, um ihr ein
kleines Stück weit entfliehen zu können. Ausgehend von Fishers wollen wir die Begriffe des kapitalistischen Realismus,
der Hauntology und der verlorenen Zukünfte gemeinsam erkunden und sie in Diskussionen über Popkultur anhand von vielzähligen Beispielen vertiefen.

Verlaufsplan

Jede Sitzung soll gemeinsame Rezeption und Diskussion von Kulturprodukten zusätzlich zur Textdiskussion beinhalten.
Wie theoretisch der Seminarplan letztendlich gestaltet wird, bzw. welche zusätzlichen Texte aufgenommen werden, soll in der ersten Sitzung gemeinsam besprochen werden. Etwaige zusätzliche Themen können Texte Adornos zur Kulturindustrie, Derridas Begriff der Hauntology, Siegmund Freud über das Unheimliche oder Erich Fromms Über den Begriff der Ohnmacht. Wichtiger bleibt aber die Beschäftigung mit Mark Fishers Texten selbst und der Rezeption von (im Idealfall von den Teilnehmer*innen vorgeschlagenen) Beispielen aus Musik, Literatur und Kunst. Angefangen mit Capitalist Realism will das  Seminar Fishers Denkbewegung nachvollziehen und gemeinsam verstehen. Das autonome Tutorium soll die Form eines Lesekreises oder vielmehr die eines offenen Raumes zum Austausch haben. Es soll Raum geben, das Persönliche im Rahmen des Wissenschaftlichen zu verhandeln. Die Texte sind zum Großteil in deutscher Übersetzung erschienen. Bei diesen soll zu Beginn gemeinsam entschieden werden, welche Textvariante bevorzugt wird. Teilnehmer*innen aus allen Fachbereichen
sind willkommen, da auch Fishers Theoriearbeit von Interdisziplinarität gekennzeichnet ist.

Es folgt ein exemplarischer Seminarplan:

1. In der ersten Sitzung soll gemeinsam
überlegt werden, wie wir vorgehen wollen (mehr oder weniger Leseaufwand,
theoretische oder beispielorientiere Konzeption) 
2.+3. Kapitalistischer Realismus I+II
Fisher: Capitalist Realism. Winchester,
2009. S. 1-21 + S. 54-71 
4. Hauntology
Fisher: Ghosts
Of My Life. Writings on Depression, Hauntology and Lost Futures. Winchester, 2014. S. 1-30. 
5. Verlorene Zukünfte
Ebd. S. 31-47. 
6. Depression: Offene Diskussions- und
Rezeptionssitzung
(falls ein Text gewünscht wird bspw.
Fisher: No Longer the Pleasure: Joy Division.) 
7.+8. Verschiedene Aufsätze und Blogeinträge
Mark Fishers
(müssen noch gesichtet werden)
Fisher: k-punk: The Collected and
Unpublished Writings of Mark Fisher (2004-2016). London, 2018. 
9. Acid Communism
Ebd. 
10.+11. Eventuell Zeit für anschließende
Zusatztexte, oder für Auszüge aus Fishers „The Weird and the Eerie“ 
12.+13. Offene Diskussions- und
Rezeptionssitzungen / Zeit für Zusatztexte 

Literatur

Fisher, Mark:

  • Capitalist Realism. Is there no alternative? Winchester, 2009.
  • Ghosts Of My Life. Writings on Depression, Hauntology
    and Lost Futures. Winchester,
    2014.
  • The Weird and the Eerie. London, 2016.
  • k-punk: The Collected and Unpublished Writings of Mark
    Fisher (2004-2016). London,
    2018.

Kontakt

Christoph Meyer